WISE 2005 oder warum mein Blog ein wenig verwahrlost war

WISE LogoIch liege für die ESA im „Medes, Institute for Space Medicine and Physiology“ in Toulouse, seit 56 Tagen in einem -6° geneigten Bett. Vier weitere werden noch folgen. Ich bin in dieser Zeit nicht einmal aufgesessen, geschweige den aufgestanden, weder um aufs WC zu gehen, noch um eine Dusche zu nehmen. Diese Studie ist der Grund dafür warum ich in den letzten Tagen so wenig Zeit fand um mich meinem Blog zu widmen, auch wenn man meinen könnte, wenn man den ganzen Tag im Bett liegt, hätte man unglaublich viel Zeit für alles.
Die Studie „WISE Women for International Space Simulation for Exploration 2005“ ist die jüngste einer ganzen Reihe von Bedrest Studien um die Auswirkungen der Schwerelosigkeit auf den menschlichen Körper zu simulieren und die erste mit Frauen.

„The study is used as a method of testing and developing countermeasures to the effects of weightlessness on female astronauts through the use of appropriate physical exercise and therapy, medication and nutrition. Developing more effective countermeasures is essential for the success of future long-duration human spaceflight missions to Mars.“ (Quelle: esa)

Kurz zusammengefasst geht es in dieser Studie der ESA, NASA, CSA und CNES darum die Adaption des weiblichen Körpers an die Schwerelosigkeit zu erforschen. Das Ziel ist es die Datengrundlage für eventuell länger andauernde Reisen im All zu verbessern. Insgesamt werden 24 Frauen drei Monate in Frankreich verbringen, davon zwei Monate lang in einer leicht schrägen Position (-6° Grad) in einem Bett liegen.
Diese Lage hat aus medizinischer Sicht eine ähnliche Auswirkung auf den Körper wie die Schwerelosigkeit. Um den medizinischen Folgen, die eine länger andauernde Schwerelosigkeit auf den Körper hat, vorzubeugen und Massnahmen dagegen zu entwickeln, werden in dieser Studie zwei wesentliche Gegenmassnahmen getestet, Sport und Ernährung. Die Kandidatinnen wurden daher drei gleich grosse Gruppen gebildet, eine die sportliche Übungen absolviert, eine die zusätzliche Proteine zu sich nimmt und die dritte Gruppe dient als Kontrollgruppe.
Die ersten zwölf Kandidatinnen (diary) haben bereits im Frühjahr an der Studie teilgenommen. Die Selektion der zweiten Session fand im Mai und Juni statt, die Tests umfassten einen ausführlichen medizinischen, wie auch einen psychologischen Check-up.
Nach diesen Untersuchungen begann für mich im Herbst ein Abenteuer der eher ungewöhnlichen Sorte. Die Studie dauert insgesamt hundert Tage, 20 Tage Vorbereitung und Sammeln der Basisdaten, 60 Tage Liegezeit, 20 Tage Wiederaufbau und Erheben von den Vergleichsdaten nach der Bedrest.
Die 20 Tage Vorbereitung waren spannend, der Tagesplan war voller Protokolle, die ruhiger oder sehr aktiver Natur waren. Aktiver Natur sind diejenigen Protokolle, die zum Beispiel die Maximalkraft oder Sauerstoffaufnahme und –verbrennung auswerten. Die passiven Protokolle sind alle die Messungen, die unser Stillhalten erfordern, wie Ultraschall an sämtlichen grösseren Venen und Arterien, Magnetresonanztomografie, LBNP – lower body negative pressure, Tilt, Elektrokardiogramme etc. Zusätzlich kommt in regelmässigen Abständen eine Batterie an psychologischen Tests auf uns zu. Auf der WISE Website finden sich sämtliche Thesen und beschrieben.
Nach der Vorbereitungsphase, begaben wir uns für 60 Tage in unsere Betten bei -6°. Das mutet auf den ersten Blick ziemlich schräg an, doch der Körper passt sich an diese ungewohnte Lage ziemlich schnell an, zumindest bei mir. Die ersten drei Tage, kann es sich ergeben, dass Kopfschmerzen, Rückenschmerzen, Verdauungsprobleme auftauchen. Glücklicherweise war dies bei mir nicht der Fall.
Die Zeit verging wie im Flug, mir scheint es gar nicht so lange her, dass wir uns noch vorbereitet hatten. Es ist, wie wenn jemand den Beschleunigungsknopf gedrückt hätte.
Und schon stehen die ersten von uns wieder auf. Der Gang noch ein wenig steif, strahlende Gesichter, intensive Eindrücke. Ich werde als Letzte aufstehen und falls ich dann eine ruhige Minute finde, dann werd ich darüber schreiben, wie es ist nach zwei Monaten absolutem Liegen wieder zu gehen.
Ich bin neugierig aber nicht ungeduldig. Ich geniesse die letzten Tage mit dem Frühstück am Bett.
Ich habe mir länger durch den Kopf gehen lassen, ob ich über meinen Aufenthalt in Frankreich hier berichten soll oder nicht. Doch ist dieses Experiment, für die meisten von uns etwas dermassen unalltägliches, „hors de common“, auch für mich, dass ich hier ausnahmsweise etwas über mich berichten werde.
Man sollte im Leben die Dinge tun, die Spass machen und einem weiterbringen, Mut haben zu Ungewöhnlichem, zu Neuem und sich bewusst sein, dass man nur einmal lebt (mein bisheriger Kenntnissstand). Das Leben ist wie ein Gewürzkasten, man kennt die Feinheiten der Gerüchte erst, wenn man verschiedene gekostet hat.

Links:

  • WISE 2005
  • MEDES
  • WISE: Diaries bed rest study participants
  • WISE: Protokolle
  • WISE: MEDES
  • ESA: WISE Ausschreibung (deutsch)
  • WISE bed-rest study: second campaign under way 4. Oktober
  • 8 thoughts on “WISE 2005 oder warum mein Blog ein wenig verwahrlost war

    1. Ich war mir bis jetzt nicht bewusst, dass solch langandauernde Experimente notwendig sind. Ist ja aber irgendwie auch logisch.
      Ich bewundere Deinen Mut und auch Deine Aufgeschlossenheit, hier mitzumachen und uns wenigstens bruchstückweise etwas davon zu erzählen.
      Wünsche Dir jedenfalls viel Glück

    2. @Christian: Zu Beginn waren eigentlich eher besorgte Stimmen zu hören, nein dass könnte ich nie machen. Mit der Zeit nach den Mails und als sich die Meisten viel konkreter vorstellen konnten um was es geht, viel interessierter weniger besorgt. Wer kriegt schon für zwei Monate das Frühstück ans Bett? Mit der Zeit vor allem am Telefon, Mail oder Skype Witze, wie „Bist schon im Bett?“ oder „Schon aufgestanden?“.

      @Urs: Danke für die Glückwünsche. Ja diese Experimente sind notwendig um eine so aufwändige Mission, wie die für langfristige Ziele wie den Mars vorbereiten zu können. Das im Zeitplan der ESA circa für 2033 geplant ist. Das ist langfristige Planung.

    3. wow! tönt extrem spannend (die studie mein ich, das 60-tage-im-bett-liegen stell ich mir weniger spannend vor :-).
      mich würden natürlich mehr details und bruchstücke deiner erlebnisse wundernehmen, wenn du sie dann auch erzählen darfst.

    4. Es gibt sicher spannenderes, aufregenderes, doch es hat einiges für sich einfach mal 2 Monate aus dem hektischen Alltag auszusteigen und oft wünschte ich mir ich hätte mehr Zeit. Verrückt, aber vielleicht habe ich mir auch einfach für die Zeit viel zu viel vorgenommen.

    5. sehr beeindruckend, von diesem Experiment zu lesen. Ich frage mich, wenn schon mal die Gelegenheit da ist, 60 Tage im Bett zu verbringen, wie es dann mit dem Sexleben ausschaut? War es im Rahmen des Experiments möglich, Besuch vom Freund zu bekommen?

    6. Hallo Mideko,
      ziemlich direkt deine Frage, mit einer einfachen Antwort. Wir waren hier völlig abgeschirmt. Aufgrund der psychologischen Protokolle, war es nicht gestattet Besuche zu empfangen. Die Isolation, im englischen das sogenannte Confinement, war auch ein Teil dieser Bedreststudie.

    7. Wenn man so lange liegt, dann weiss man eine gute Matratze zu schätzen. Wobei ich mir echt nicht vorstellen kann, dass bei 60 Tagen im Bett die Zeit wie im Fluge vergeht.

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